Nach zwei Jahren Berlin nun beinahe täglich im Eichsfeld. Und also täglich im Südharz. Nicht länger Breitungen. Nun: Bannkreis der Queste, ehemalige Schule. Mit vormaliger Feuerwehrgarage und Wildkammer. Und um der Aue gerecht zu werden: alter Güterschuppen, Aumühle, ursprünglichster Ort der Güldenheit, zwischen Görsbach und Heringen. Die Lücken dieses Diariums sind aufzufüllen. Die Räume hier, zwischen Questenberger Dorfstraße und Hirtengasse, aus altem ständischen Geist, eingedenk des Gefildes, der ins Rund geschriebenen Sequenzen des Jahreskreises, aller Runen und Ritzungen im Bezirk: sie sind nun ebenso zu füllen. Edition Finsterberg in der Neuen Hege Harz.

Beim weltlichen Doktor auf seinem Hof, der ein Musterhof aus den 30er Jahren ist. Alles findet sich wohl angeordnet, das Wohnhaus möchte ein wenig Bürgerhaus sein, Stadthaus, gibt sich gleichwohl bescheiden, dabei aristokratelnd in seinem nahezu quadratischen Grundriss. Es passte als Kavaliershaus oder Kutscherhaus ganz gut in eine barocke Anlage. Zumal der Doktor das vormalige Rot des Putzes behutsam und unter Aufbringung allerlei dunkler Allchemie wiederhergestellt hat, mit leichtem Zug hinein ins Altrosa. „Man möchte nicht für homosexuell gehalten werden.“ — Indes der Hof mit seinen Nebengelassen samt traurigem Bruhno nach Frau und Kindern ruft. Morgens im Bette in der Neuen Hege war ich geradezu gerührt von dem durch Schlaf verarbeiteten Eindruck eines weltlichen Doktors, da er Zimmer auf Zimmer herrichtet, einrichtet. Er hatte mir die Küche gezeigt. Wie doch manche Zuschreibung verfehlt ist, während einer ruhig und beharrlich das Gegenteil des Zugeschriebenen befördert.

Mit dem Freiherrn und der Herzogin in der Aue unterwegs. Der Freiherr am Steuer seines Kleinwagens, stets ein wenig zu sehr auf Mitte Straße. Helena und ich abwechselnd auf dem Beifahrersitz und auf der Rückbank, die bei Zweitürern einen üblen Platz darstellt. Immerhin konnte ich so ihr schönes Profil ungestört betrachten. Der Freiherr zeigte uns Felder, Scheunen, Güter, die mal Familienbesitz gewesen waren, bis 45. In Auleben, einem der schönsten Dörfer der Aue, in dem es fünf Rittergüter gegeben hatte, veranstaltete der Freiherr eine Führung durch ein gewaltiges, bald halbtausendjähriges Herrenhaus, das die Familie zurückgekauft hat und wieder herrichten will. Der Bau ruht auf massivem, sehr hohem roten Sandsteinsockel als zweigeschossiges, aufwändig ausgeführtes Fachwerk. Viele Räume waren zu durchqueren. Und Helena den Vortritt zu lassen, war mal um mal allein an mir. Hatte doch der Freiherr notwendig vorauszugehen. Leicht verzögerte ich, machte eine Bewegung mit der Hand, sagte ihr ein „Nach Ihnen bitte!“. Sie nahm es an jeder Türschwelle, an jedem Durchgang neuerlich mit echtem, dankbarem, erfreutem Staunen, so als hätte niemals zuvor ein Mann einer Frau den Vortritt gewährt. Die Kühle im Innern ließ Helena bald frieren. Der Freiherr überließ ihr sein Tweed Sakko. Die beiden hatten mich, ohne große Verabredung, aus Leipzig kommend in der Roßlaer Zuckerfabrik aufgescheucht und kurzerhand eingesammelt. Zum Sakko fehlte mir in dem Moment die Kraft. Nun bereute ich es, denn ich trage einen Harris-Tweed-Stoff, der jenem des freiherrlichen Sakkos, das seinen galanten Moment erleben durfte, bis auf einen blauen Faden gleicht. Dies war uns nach vielen Bieren in einer Kneipe am Berliner Zionskirchplatz aufgefallen. Und der Freiherr hatte sogleich betont, diesen meinen ästhetisch vollständigeren Harris Tweed mit dem zusätzlichen Blau eigentlich schon immer angeschafft haben zu wollen. Helena, die Zarte, aus Sternenstaub gebildet, ewigkeitlich in ihrer Schönheitsgebrechlichkeit renommierend, fand sich im derben Tweed tausendjährig-heilig-römisch darauf verwiesen, noch intensiver, dichter uns in ihrer Schönheitskorona baden zu lassen, ebenso das Haus, die peinlich freiliegenden Wickelhölzer der Lehmausfachungen. Die darüber Heilung finden sollten. Und mit ihnen auch die beiden Männer. Helena spürte ihre Wirkung auf uns, die sich dem Tweed Sakko verdankte. Wie in einem zu großen Herrenoberhemd stand sie, wobei die Derbheit des Stoffes, gefärbt und von Hand gewebt auf den Äußeren Hebriden im Atlantischen Ozean, sie wie in Rüstung erscheinen ließ und ihre Elfenherkunft nur noch unterstrich. Oben im Haus standen wir bei einem mächtigen Querbalken, der gebrochen war und neues, frisches, gelbes Holz angelascht bekommen hatte. Die Verschraubungen waren von gewaltigen Abmessungen in Länge und Querschnitt, ließen die allzeit und im Lauf der kleinen wie großen Geschichte als dunkle Energie wirksamen Kräfte auf Zug und Druck ahnbar werden, die in der Kraftschlüssigkeit zur guten fruchtbaren Erde der Goldenen Aue sich hinab übersetzten als Weisungen alter Herrschaft. Wir sahen Helenas staunende Züge und dachten wohl beide, der Freiherr und ich: Es ist für die Frauen vollbracht. Und soll weiter vollbracht sein. Während ich den beiden durch endlose Fluchten folgte und mein in Roßla verbliebenes Harris-Tweed-Sakko im übrigen für das besser geschnittene erachtete, musste ich an die Puppenmacherin denken. Wie sie ganz zu Anfang, für letzte abendkühle Schritte, mein dunkelblaues, sündhaft teures, leichtes Sommer-Sakko trug. Fand ich sie je schöner?

 

 

Die Puppenmacherin hat unser beider Laubhütte im Borntal für immer verlassen. Zum Abschied verteilte sie auf den Böden ganz schrecklich viel süßliches Bunt, in Herzform gar. Das wir nicht kennen in unseren Gründen. So hat sie die Farben der Aue vermehrt, aus ihren großen Händen, in denen sich meine spät erst vollends wohl fühlten. Sie liebe mich. Allein ihre Puppenmanufaktur! Davon könne sie nicht weggehen. Mit den Puppen habe sie eine Familie. „Wir haben zusammen eine Familie.“ sagte die Puppenmacherin, als wir zuletzt bei den verschwiegenen Schwinden des Reservats dem erfrorenen Wasser lauschten. All jene, die sich in die Händel der Sprache verstrickt wissen, hielt sie von je für verwickelte Geister. So fragte ich sie denn auch nicht, warum sie im Zwiespalt aus Haben und Sein nie zu einem Abschied fand, der zärtliche Brutalität der Letztgültigkeit übt: „Jene und ich – wir sind eine Familie.“ Und sagte sie zuletzt ofthin wieder: „Es ist nur wegen der Puppen.“

Menschenfänger, der aus allen Zeiten gefallenes, seinen Sammlungen entliehenes Spielzeug auf dem Rasen verstreut zum Staunenmachen des Publikums: Auf einem der Feste, vor bald zwei Jahren, die der weltliche Doktor im Bannkreis des Kyffhäusers auszurichten pflegt, sah ich sie. Hoher, gleißender Sommer regierte, und die großen Bewegungen der Ernte rings auf den Feldern hatten die Szenerie in staubigem Glanze nobilitiert. Die Puppenmacherin ging so aufrecht, so sicher, so mutterstolz wie ich sie später nie wieder fand. Schritt mit ihrem Kinde auf den Festort zu; trug es wie ein Signum. Sogleich schätzte ich sie deutlich jünger als mich; dabei sie doch unter uns die Älteste ist. Bei ihr und mit ihr und wegen ihr ging ein Früherverzauberter, von der Puppenmacherin früher Verzauberter. Er hatte ihr dies köstliche Signum angetan, hatte sie den Ornat der Frauen anlegen lassen. Wer ein holdes Weib errungen!: Seine Freude war zur Zeit jenes Festes noch ungetrübt. Leichthin sprach er Witzworte zu mir, von denen der ungleich Ältere ahnte, dass sie in einem Kosmos der Strenge, der anwachsenden Luftleere niemals vermessen worden waren. Der Früherverzauberte saß neben mir, auf einer Bierzeltgarnitur wohl, und gab sich ironisch, was seiner Jugend schlecht bekam. Indes er war unschuldig. Denn seine Albträume waren noch ungeträumt, sein Schmerz noch ungekostet, seine Todesflüche noch unausgesprochen. Seine Demission als jugendlicher Ironiker stand ihm noch bevor.

Zum Ende hin weinten alle. In aller Theatralik, die aufzubringen war und aufgebracht werden wollte, weinte ich in ihr Haar. Und da sagte sie mir: „Morgen komm ich noch einmal zu Dir.“ Und sie kam. Und ich sah ein letztes Mal ihren blauen Blick. Und ihr Kindlein drängte sich zwischen uns. Und sie sagte: „Es liegt nicht an Dir.“ Denn das Kindlein drängt sich immer dazwischen. Und dann fragte sie „Macht mein blauer Blick so nah bei Dir es nicht noch schwerer für Dich?“. Und ich spürte ihren Hochmut, dem mein Leid Nahrung war. Und bald darauf sagte mir die Puppenmacherin ein letztes Mal ihr: „Es war schön.“

 

 

Ein Alter, der sich aufdrängte in der Wirtschaft, da ich gerade aß. Er stand bei meinem Tische, zeigte ausgiebig seine schlechten Zähne und breitete sein Leben aus. Ihn zu ertragen, war überdies peinlich, weil er schielte, und dem Schielenden in die Augen zu sehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Immerzu meint man, den Eindruck zu vermitteln, ihm in seinem Schielen zu folgen, da man die Ganzheit des Augenpaares im Blicke nicht zu erreichen vermag. Bald kam er auf seine Jugend. Wanderschäfer sei er gewesen. Einmal landete er mit seiner Herde bei den Wiesen nahe des Schlosses Sanssouci an. Und lernte dort, wo er doch nur wenige Tage rastete, seine spätere Frau und Mutter seiner Kinder kennen. Die lernte grad in Potsdam auf Buchhändlerin. Sogleich schämte ich mich meiner Ablehnung dem Alten gegenüber. Denn die aparte Korrespondenz ineinander verwundener Stränge aus Ewiglichkeit, Urproduktion, Beschwingtheit des leichten Gefühls, endlich Geist, Vergeistigtheit, die sein Leben durchwirkt haben musste und nahe Sanssouci ihren Anfang genommen hatte, ließ ihn nun schön erscheinen.

Es gibt die verschwiegene Geschichte eines Stamms der Weinbergschnecke, im Gesträuch am Fuße einer Kopfweide, irgendwo beim Acker. Über das Menschenland geht Krieg um Krieg, eine Währung folgt auf die andere, Gebietsreform überholt Gebietsreform. Bald ziehen neue Sprachen ein und die altgehörten verstummen. Bald ziehen neue Götter auf und die altverehrten fallen. Aber jene Sippe der Weinbergschnecken siedelte, von Geschlecht zu Geschlecht, während aller den Menschen bereiteten Fährnisse, im beschirmenden Bezirk der Kopfweide, irgendwo nah bei einem Acker. Ihr genügte die Wegmarke zum Königreich. Keinen Historiographen brauchte sie.

Wir wollen leben wie die Weinbergschnecken! Unsere weißen Spuren auf alabasterfarbenem Karst sollen sich kreuzen, mal um mal. Unsere Wege sollen dieselben bleiben, solange wir atmen. Im Gefilde wollen wir residieren. Denn das Gefilde ist nicht auflösbar, ist unentwirrbar, hält sich immer verklärt, beharrt romantisch. Im Gefilde, im Geflecht der Gräser, sind unsere Schneckenhäuser, weltlich versehrbar, das Feste, das wir kennen. Jede Krakelee aus Gewachsenem auf unseren gewundenen Häusern ist uns lieb. In unserem Gefilde hält alles stand. Jeden Menschen kennen wir im Gefilde. Hier leben wir mit unseren Familien, mit den Männern, Frauen, Kindern und Greisen unserer Nachbarschaft, mit allen Gewerken und dem Geläut der Glocken.

Im August 2015, zu den Anfangszeiten von PEGIDA, rief Stefan Schirmer in der ZEIT den Sachsen und ihrem Freistaat zu: „Dann geht doch! Dann sollen die Sachsen halt ihr eigenes Land aufmachen. Im Ernst!“ — Bei Ostritz in der Oberlausitz, unweit des tausendjährig unaufgehobenen Zisterzienserinnenklosters St. Marienthal, führt eine Fußgängerbrücke über die Oder. Auf der anderen Seite ist Polen. Als die Kirche des Klosters nach einem großen Hochwasser wegen Sanierungsarbeiten geschlossen war, fanden die Gottesdienste in einer kleinen Kapelle statt. Die Fenster dieser Kapelle weisen zum polnischen Ufer. Oft sah ich, über die Schulter des Zelebranten hinweg blickend, eine Ente im engsten Bezirk aus Schilf und Treibholz sich putzen, die am anderen Ufer des Grenzflusses rastete. Im Gefilde. Und der Spaziergänger, der jene Brücke in Richtung der deutschen Seite passiert, wird begrüßt allein von weiß-grünen Hoheitszeichen und dem Schriftzug „Freistaat Sachsen“.

Wir sind unseren Gefilden entfremdet, die gar nicht länger Gefilde sind, nurmehr Räume der Neuverhandelung. In unseren Städten leben die Anderen. Im Bannkreis des freien Internets nutzen sie die Chancen der Digitalisierung, rufen ihresgleichen zusammen, wann immer es gegen uns geht. Aus unseren urbanen Zentren schneiden sie Nichtbetretensgebiet auf Nichtbetretensgebiet heraus, befestigen ihre uns aufgegebenen Grenzen. In den notschwanger angerufenen Dörfern, ländlicher Raum!, finden wir uns, finden uns zusammen, erkennen uns bald als gut in der bösen Zuschreibung, die verwahrloste Politiker an uns üben. Dort siedeln wir mit unseren Kindern, sitzen beieinander, besuchen uns, helfen uns, zählen die leerstehenden Häuser, richten sie her, tauschen uns aus in den alten Techniken, Baustoffen, Trachten und Gesängen; pachten Land, Streuobstwiesen, entzünden zu den Hochfesten der Natur unsere Feuer auf den höchsten Stellen – schöne Aussicht. Die Biosphärenreservate, in denen wir über das Glyphosat schimpfen, sind gewidmet den Fledermäusen und Luchsbeauftragten, den Wolfserwartungsbeauftragten und endlich den Wölfen selbst. Die unsere Lämmer reißen. Und mal um mal erklärt ein Wolfsbissbeauftragter des Bundes, der nicht mehr unser Bund ist, es sei ein verwilderte Schäferhund gewesen. Im Wolfserwartungsland leben wir. Und wir sind die Spezies, die im Reservat, im sprichwörtlichen Sachsen-Anhalt, muss überleben wollen. In unserer Biosphäre. In den vormals unsrigen Gefilden indes wachsen die Reservate anderen Rechts und anderer Sitte. Längst hat das Grundgesetz jede konstitutionelle Spannkraft eingebüßt. Bundestreue ist außer Kurs geraten. Der Bund hat sich dem Buntscheckigen des Imperiums, des Reiches angenähert. „Jedes Reich kennt sein Gesindel.“ wusste Friedrich Hielscher. Das Gesindel kommt aus aller Herren Länder. Und wir selbst suchen bald im letzten dörflichen Winkel, in den Harztälern Deutschlands, die es auf dem flachesten Land noch gibt, Recht und Frieden. Und Dauer durch Zeugung!

Keiner glaubt, Sachsen könnte gehen. Herr Schirmer weiß in der ZEIT mitzuteilen, dass der sächsische Freistaat nur 44 Prozent seines Finanzbedarfs selbst erwirtschaftet. Bayern indes würde niemand gehen lassen wollen. Wegen seiner Wirtschaftskraft. Allein im Gefilde bilanziert es sich anders. Ländliche Räume in analoger Rückbesinnung, in herrlichster Restauration, in demographischem Aufbruch, mit billigen Grundstücken. Dort völkische Siedler, stehend in den alten Gewerken, Frauen geflochtenen Haares mit Kindern, die Birnen und Äpfel lesen, weil keiner mehr ernten mochte zuletzt. Behutsamer Neubeginn im Christentum, Niederknien! Bürger des alten Bundes endlich, der auf dem Grund vielhundertjährigen heilig-römischen Fachwerks, unter eichenen Ständern im Geviert der Höfe schlummert. Unsere Sezession soll uns ins Innere führen, soll uns führen in unser Gefilde! Denn wir können uns das Weggehen, das Auseinandergehen, was noch immer deutscher Normalzustand war, im Staatsrechtlichen nicht vorstellen. Noch nicht. Allein im Innern hat die Absetzung längst begonnen. In unseren Gefilden wachsen jene neuen Räume, die bald konstitutioneller Abgrenzung zustreben.

 

Margha meldet sich. Ich kenne sie, seit sie mir Schlafstatt gab. Als Margha in Sibirien studierte, lauschten ihre Lehrer in weit abgelegenen Siedlungen letztem Schwäbisch, wie es im 18. Jahrhundert noch gelebt haben mochte. Mit einer kleinen Schere und auf den Knien hielt Margha das Gras im rührenden Vorgarten einer alten hölzernen Dorfkirche kurz. Der Priester schrieb für Margha nach Rom. Bald und sie war unter den ersten, die der Vatikan 89 nach München holte. 89. Margha schreibt mir heute aus Leipzig: „Die Helikopter über mir und die Angst in mir.“ Jener aus Kaliningrad, ich wisse schon. Keine Sterne seien zu sehen.

Mit der Puppenmacherin und dem weltlichen Doktor auf dem neu hinzugekommenen Agnesdorfer Flurstück, nah bei den Birnen jenes Herbergsvaters in spe. Es bietet einen schönen Blick auf den weißen Karst oberhalb des Bauerngrabens, auf das große Auslaugungsgebiet unterhalb meines kleinen Backsplanes. Hier stehen, ganz ohne Verstrauchungen, die Obstbäume in schönen Reihen. Gerade da wir die Bestände inspizieren, läuft eine Hirschkuh in schnellem Tempo über die Flur und hinein in den grenzenden Buchenwald. Bruhno, der traurige Rüde des weltlichen Doktors, verfolgt das Stück und ist bald außer Sicht. Hernach wird der Doktor den jaulenden, winselnden Bruhno, der auch wohl Schläge im Walde bezogen hatte, an einen meiner gepachteten Bäume binden. Der Bruhno weint darüber umso mehr. Ist ihm doch jede Trennung, jede Strafe, jeder böse Blick die größte Folter. In der unbedingten Sehnsucht des Haustieres nach unserer Liebe, in der Unausmesslichkeit ihrer uns zugedachten Liebesbekundung, hier allen voran ihre Leckereien, scheint mir von Jahr zu Jahr peinlicher unsere Sünde auf, die wir in der Domestizierung an den Domestizierten begangen haben. Sie strafen und beschämen uns mit ihrer billigen Liebe.

Mit dem Weißen aus Wickerode auf seinem gespenstischen Hof, der ein Friedhof der Landmaschinen ist. Es dämmert und er erzählt von einem früheren Studienkollegen, der Sprachen studiert hatte. Mit Anfang zwanzig beherrschte er 55 in fließender Manier. Unter dem Erlernen der 56. aber verfiel des Weißen Kommilitone dem Wahnsinn. Die Geschichte wird sich kaumhin zugetragen haben. Ihre Moral indes trifft. Ist doch das Sprechen in einer Vielzahl fremder Sprachen eine Kunst, die zuerst der Teufel übt.

Der weithin vergessene Alfred Otto Schwede mit seinem Buch „Die Tagung“. Protestantische Prägung zeigt sich bereits im synodalen Anklang des Romantitels. Er passte gut zu einem Roman von Rang. Der Rahmen für ein Großes wird oftgenug von den Geringeren weggeschnappt, ohne daß die Geringeren in ihm dann eben dieses Große ausführen könnten. Schwede wirkte als Pfarrer in Uthleben, einen Steinwurf von hier, aber schon im Thüringischen. Wenn in einer der groß in Konjunktur befindlichen Auslobungen des ad-hoc-Mitnehmens, auf Bürgersteigen, in öffentlichen Häusern, solches Buch ganz in der Nähe Uthlebens begegnet, ist es sogleich intimstem Nachlass zuzuordnen. Autorenexemplar zur Vorbereitung der Folgeauflage?